29. Januar 2026

Von IKEA, Wikingern, tiefem Schmerz und Runen – Pro & Contra und Kritik zu »Therapie für Wikinger«

Viel Aufmerksamkeit vorab für einen dänischen Film. Kann Anders Thomas Jensen die Erwartungen erfüllen und warum müssen eigentlich Wikinger therapiert werden? Zwei sehr gegensätzliche Meinungen und Antworten liefern unsere beiden Autoren.

Pro

Anders Thomas Jensen ist mit seinem sechsten Film ein Meisterwerk mit Kultpotential gelungen, mindestens so großartig wie sein Klassiker »Adams Äpfel«. Erneut liegen Tragik und Komik sehr nah beieinander. Jensen, gestandenes Mitglied der Dogma Bewegung – wer erinnert sich noch daran und auch an einen gewissen Lars von Trier? – vorrangig als Drehbuchautor tätig und vor allem durch seinen kultigen »Adams Äpfel« international bekannt geworden, gelingt es, großartige Unterhaltung und Erörterung unserer schwierigen Existenz zu verknüpfen, stringent zu erzählen und dabei keine Langeweile aufkommen zu lassen. 

Doch der Reihe nach. Der mürrische Held Anker kommt nach einer 15-jährigen Haftstrafe frei. Sein einziges Ziel ist es, den Rest der Beute aus dem damaligen Überfall zu sichern und endlich auf die schöne Seite des Lebens zu wechseln. Dazu braucht er seinen Bruder, der jetzt John genannt werden will, denn nur er weiß, wo die Beute liegt. Doch John tickt etwas anders und so kommt natürlich alles anders als geplant. Das Setting des Films verlagert sich in jene dunkelgrünen Wälder, in das etwas heruntergekommen wirkende Haus ihrer Kindheit. Und wir, die Zuschauer verfolgen gespannt das chaotische Geschehen mit großartigem Slapstick, musikalischen Krämpfen zwischen Beatles und Abbas, dissoziativen Persönlichkeitsstörungen, verrückten Wendungen, lernen die Verwendung von Runen kennen und werden mit roher, unvermittelter Gewalt konfrontiert. Die ganze Klaviatur menschlicher Schicksalsschläge kommt zum Einsatz, von Kindheitstraumatas, Identitätssuche, IKEA Geschichten bis zu Eheproblemen. 

Jensen verzichtet bewusst auf Detailzeichnungen seiner Helden. Für zarte Gemüter mag es recht grob gestrickt und direkt daherkommen. Die Einbettung der realistischen Elemente in die teils absurde, komödiantische Handlung verpasst ihr aber die notwendige Tiefe. Die mehrmals unverhofft aufflammende Gewalt unterstreicht das. Im Gegensatz zu der eleganten Mordästhetik aus TV- und Kinofilmen, wirkt die hier gezeigte schockierend, weil sie roh und unvermittelt auftritt. Ein konsequentes filmisches Mittel, um der recht fröhlichen Erzählung eine starke Glaubhaftigkeit und Realismus zu verpassen. 

Eine weitere Besonderheit prägt den Film. Die animierte Geschichte zu Beginn und am Ende verleiht dem Werk einen ungewöhnlichen Rahmen, erinnert an antike Dramen, zeitgemäß interpretiert in Form und Inhalt. Und verweist uns ganz schlicht auf die Tatsache, dass wir alle erst im Tod gleich sind und Erlösung von den „irdischen Qualen” finden. 

 

Die großartige Besetzung, vor allem Mads Mikkelsen in einer gegen die üblichen Klischees besetzten Rolle des „etwas anderen” Bruders gibt dem Film einen besonderen Halt. Nörgler könnten anmerken, dass hier nur ältere, wenn auch die besten dänischen Akteure am Werk sind. Das Ensemble aber erledigt seinen Job großartig, mit einer abgeklärten Gelassenheit und Spielfreude. 

Die Kameraarbeit von Sebastian Blenkov verleiht dem Film im städtischen Milieu eine dokumentarische Echtheit und in den Wäldern eine unglaubliche Schönheit und Würde. (Blenkov wirkte mit Jensen schon an seinem Erstling »Dänische Delikatessen« mit, der auch für Mads Mikkelsen einen wichtigen Schritt in seiner Karriere darstellte).

Die Musik rundet das Vergnügen ab. Auch Menschen, die Abba nicht besonders lieben, können sich der Neuinterpretation hingeben.
Das Schlussbild, das den ganzen wundervollen Zirkus ohne unmäßige Auswertung oder Gefühlsduselei beschließt, zeigt uns die lustige Kapelle der Außenseiter, die souverän einen Song interpretiert. Im Saal mitten zwischen den Dorfbewohnern sitzen unsere in den kurzweiligen zwei Stunden liebgewonnenen Helden, wenn auch teils mächtig ramponiert – einfach großartig und anregend.

Früher hätte es geheißen, ein Film voller Mitgefühl und Verständnis für den Menschen. Heute wird viel von Identität, Kampf gegen Hassreden und Gewalt gesprochen. Anders Thomas Jensen gelingt ein Plädoyer für die Menschlichkeit, die Unterschiedlichkeit der Lebensentwürfe und das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben. Diese Botschaft bringt er auf einen genauen und humanistischen Punkt.

Mersaw

 

Contra

Es ist schon bemerkenswert, wie »Therapie für Wikinger« einen der eigenwilligsten Regisseure Europas dazu bringt, sich selbst zu wiederholen, zu übersteigern und schließlich zu verheddern. Dabei ist die Grundidee von Anders Thomas Jensen so schlicht wie brillant: Ein Bruder kommt aus dem Knast zurück, will seine Beute, trifft auf den anderen Bruder, der sich für John Lennon hält – und der sich weigert, irgendetwas preiszugeben. Ein Plot, der sofort zünden könnte.  

Warum zum Teufel verpufft dieser Zündfunke? Warum greift ein Regisseur, der sich darauf versteht, Figuren in ihren Widersprüchen präzise zu sezieren, dermaßen zum Vorschlaghammer? In »Dänische Delikatessen« oder »Adams Äpfel« war die Überzeichnung ein feines Messer, das punktgenau schnitt; hier arbeitet Jensen fast ausschließlich mit grobem Gerät. 

Mads Mikkelsen spielt hervorragend. Natürlich tut er das. In der Rolle von Manfred/„John Lennon“ darf er alles sein: komisch, tragisch, irritierend, liebenswert  – manchmal in ein und derselben Einstellung. Er hat als psychisch instabiler Bruder, der sich in Musik, Fantasie und Verweigerung flüchtet, auch die dankbarste Rolle. Er darf schweben. Und genau deshalb funktioniert diese Figur selbst dann noch, wenn der Film um sie herum längst ins Straucheln geraten ist.

Sein Bruder Anker, solide interpretiert von Nikolaj Lie Kaas, fristet ein deutlich eindimensionaleres Dasein: der Knast-Typ mit Plan – und man fragt sich gelegentlich schon, ob der rote Teppich seiner eigenen Existenz nicht zu glatt gebügelt ist, um echte Reibung zu erzeugen.  

Und dann ist da „friendly“ Flemming (Nicolas Bro), der den brutalen Ex-Komplizen mimt und mit extrem geradliniger Gewalt seinen Anteil am Geld fordert. Bro ist in der Lage, Bedrohung und Blutlust in einer einzigen Bewegung zu balancieren; nur hat Jensen ihm so wenig dramaturgischen Raum gelassen, dass er wie eine einzige platte Bösewicht-Schablone rüberkommt.

Eine kleine schöne Ausnahme ist die Figur des stummen Musikers, trefflich dargestellt von Søren Malling. Eine Nebenrolle, fast ein Geschenk: keine Erklärung, kein psychologisches Unterstreichen, nur Präsenz. Eine Figur, die zeigt, wie viel stärker Jensens Kino ist, wenn er dem Spiel mehr vertraut als dem Effekt.

Es gibt Momente, in denen der Film kurz Spaß macht. Der Streit ABBA versus Beatles, schwedischer Gassenhauer gegen Lennon und nebenher noch ein paar Seitenhiebe auf Jazzliebhaber – das ist leicht, das ist witzig, das atmet. Genau da blitzt auf, was möglich gewesen wäre: ein konzentrierter Film über Projektionen, Identität, Verweigerung. Stattdessen häuft Jensen weiter Thema auf Thema, als müsste er alles, was ihn gerade interessiert, in einen einzigen Film pressen. Was bleibt, ist ein Film, der nicht weiß, was er will. Farce? Tragödie? Märchen? Gewaltstück? Alles gleichzeitig und deshalb nichts wirklich. »Dänische Delikatessen« war radikal, aber glaubwürdig. »Adams Äpfel« überdreht, aber fokussiert. »Helden der Wahrscheinlichkeit« brutal, aber emotional geerdet.

Das Ärgerliche ist nicht, dass »Therapie für Wikinger« scheitert. Sondern dass er scheitert, obwohl alles da wäre: eine starke Grundidee, hervorragende Schauspieler, einzelne wirklich gute Setzungen. Man verlässt den Film weniger genervt als irritiert. Schade.
Grit Dora

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