The One And Only Udo
Deutschland hat und hatte ja so einige Udos zu bieten und selbst die DDR konnte mit ein paar Uden punkten. Einen fand ich damals sogar ganz gut, geht mir heute aber mit seiner teils selbstgerechten Art etwas auf den Zeiger. Aber the one and only Udo Kier, der leider am 23. November einen Termin in Heaven hatte, war einer der wenigen deutschen Filmstars, der, wie man so sagt, eine tatsächliche Nummer in Hollywood war.
Komischerweise fiel mir aber erst nach seinem Ableben auf, dass Udo sich zwar in mein Hirn als ein großartiger Charakter eingebrannt hatte, mir aber mir gleichzeitig auffiel, dass ich eigentlich nicht allzuviel von ihm wusste und zu meinem Entsetzen glaubte ich zunächst auch nicht viel Filme mit ihm zu kennen. Auf Anhieb natürlich »Blade« und »Iron Sky«, aber natürlich war mir klar, dass es das ja nicht gewesen sein kann und musste mal kurz das Netz bemühen um mir wie selbstverständlich laut schallend mit der flachen Hand krachend auf die eingefettete Stirn zu klatschen. Klar hatte ich bereits wesentlich mehr Werke mit ihm gesehen als angenommen, was wohl daran lag, dass zwischen dem früheren Udo und seinen letzten Filmen, die ich sah, irgendwo in meiner Ablage was fehlte, was mich irgendwie unbewusst beide als zwei Personen wahrnehmen ließ.
Dank Onkel Lubo, der bereits in den 80gern einen Videorekorder sein Eigen nennen durfte, sah ich z.B. den soften Herrenfilm »Die Geschichte der O« und Rainer Werner Fassbinders »Lilly Marleen«. Auch stellte ich „entsetzt“ fest, dass er in dem sinnlos langen ungarischen Film »Narziss und Psyche« von Gábor Bódy die Hauptrolle spielte, der in den 80ern bei Neustädter Kunstkunden und karorauchenden Hirschbeutelträgern wahre Begeisterungstürme hinterließ, während ich genervt den aufgeblasenen zweieinhalbstündigen Pippipfax brav über mich ergehen ließ. Aber letztendlich zeichneten auch solche und andere arthouseverwandten Filme das Schaffen von Udo Kier aus. Irgendwie half ihm neben seinem außergewöhnlichen Aussehen wohl auch seine unbändige Neugier aufs Leben, welche ihn schon in jungen Jahren mutig und ständig an Orte zu führen schien, an denen er sogleich immer irgendwelche berühmten und engagierten Leute traf, an denen seine Erscheinung nicht gerade unbemerkt vorbei ging und ihm gefühlt sogleich ein neues Projekt anboten. Das begann bereits im Alter von 16, als er in einer Kölner Kneipe den 15-jährigen Fassbinder traf und ging weiter mit Andy Warhol und Madonna in New York.
Aber erst über Madonna wurden amerikanische Filmagenturen auf ihn aufmerksam, und er arbeitete in Folge nun mit so ziemlich jedem Schauspieler und Regisseur von Rang und Namen. 86 traf er wieder rein zufällig in einer Berliner Kneipe Christopf Schlingensief und Tilda Swinton, um mit ihnen ein paar Vasen zu leeren und anschließend »Egomania« zu drehen, auf den hernach noch ein paar andere bizarre Werke mit Schlingensief folgen sollten.
Udo Kier war sich aber auch nie zu schade, für den reinen Kommerz zu arbeiten, um auch Rollen annehmen zu können, die nicht so die große Kohle abwarfen. Selbst sagte er, ich habe über 200 Filme gedreht, davon sind 100 schlecht, 50 kann man mit ein paar Gläsern Rotwein ertragen und 50 sind gut. Zu meinem persönlichen Bedauern und Unverständnis hat Udo leider nie die Rolle des Bösewichts in einem James Bond gegeben, aber Udo ist der ungekrönte König der Nebendarsteller. Abschließend sei allen die Doku »Der wunderbare Udo Kier« von Jobst Knigge ans geneigte Herz gelegt. Zu sehen in der Mediathek von arte.
Der König ist tot, lang lebe der König!
Ray van Zeschau (Nestor der guten Laune)
Foto aus »Narziss und Psyche«