Retrospektive: Orte der Arbeit

Der erste Film der Brüder Auguste und Louis Lumière dauert kaum eine Minute und dokumentiert das Ende eines Arbeitsalltags. Er zeigt Männer und Frauen, die als Gruppe durch ein Fabriktor gehen, bevor sie nach links und rechts zügig aus dem Bild verschwinden: LA SORTIE DE L’USINE LUMIÈRE À LYON (Frankreich, 1895) ist der erste Film, der je zur Vorführung gekommen ist. Die Geschichte des Mediums Film ist also eng mit einem Ort der Arbeit verbunden.
Die Geburtsstunde des Kinos fällt auch mit einer Zeit zusammen, in der sich die Arbeitswelt grundlegend veränderte. Es wurde heiß diskutiert, in welcher Weise diese Veränderungen gesellschaftliche Leitbilder und Wertvorstellungen prägen könnten und würden. Nun befinden wir uns wieder in einer Umbruchphase, die einen neuerlichen und noch rasanteren Strukturwandel für jede:n sichtbar und in allen Lebensbereichen spürbar macht.
Die Schwerpunktprogramme unter dem Titel „Work in Progress“ sind Spiegel der Arbeitswelt „in progress“. Die diesjährige Retrospektive rückt arbeitende Menschen und ihre Lebenswelten von der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis heute in den Fokus. Es handelt sich um eine filmische Reise, die ein Augenmerk auf Baukultur und Orte der Arbeit legt. Sie führt von westdeutschen Supermärkten über die proletarische DDR-Provinz in die Weiten Europas. Wir tauchen in den lakonisch-skurrilen Kosmos von Aki Kaurismäki ein und steigen in die Minen Siziliens herab, wir treffen auf Relikte der Wirtschaftswunderzeit und lernen einen Kreativort kennen, an dem auf nahezu utopische Art und Weise Arbeits- und Wohnraum miteinander kombiniert werden.

Kuratiert von Thorsten Birne, Sven Pötting, Sven Voigt
In Kooperation mit dem ZfBK – Zentrum für Baukultur Sachsen und der Filmgalerie Phase IV