Diskurs Europa 1: Spiele mit Spiegeln – Experimentelle Amateurfilme aus Lettland der 1970er und 1980er Jahre

Mit dem Programm „Spiele mit Spiegeln“ wird der Fokus auf randständige Filmkulturen des Baltikums unter sowjetischer Okkupation fortgesetzt. 2023 widmete sich die Retrospektive „Das süße Wort Freiheit“ dem litauischen Künstler Artūras Barysas (1954-2005) – einem der wichtigsten subkulturellen Akteur:innen im Vilnius der 1980er Jahre. Nun wenden wir uns dem offiziellen Amateurfilm in Lettland zu.
Ab Ende der 1950er Jahre, während der „Tauwetter“-Politik unter Nikita Chruschtschow, wurden in der Sowjetunion die ersten Amateurfilm-Gruppen zugelassen. Lettland gehörte damals zu den Hotspots dieser immer beliebteren Freizeitbeschäftigung. 1970 war hier ihre Zahl auf mehr als 40 Amateurfilmklubs angewachsen. Gedreht wurde meist auf dem semi-professionellen Format 16mm – was gegenüber 8mm eine höhere technische Qualität und auch die Möglichkeit nachträglicher Vertonung mit sich brachte. Darunter gab es spätestens ab Mitte der 1960er Jahre immer wieder Einzelpersonen oder kleine Gruppen, die etwas mehr wagten, als von den strengen kulturpolitischen und juristischen Maßgaben vorgesehen war. So bildete z. B. die Beschäftigung mit der eigenständigen ethnischen Geschichte Lettlands eine wichtige, weil identitätsstiftende Rolle. Auch Umweltschutz oder Nöte des Alltags waren wichtige Themen.
Die Beobachtung durch den KGB gehörte zur Tagesordnung. Einige Pionier:innen der Szene wurden gemaßregelt, Material wurde beschlagnahmt oder aus Angst von den Autor:innen selbst zerstört. Dennoch hat sich ein Korpus wertvoller Werke erhalten. Für dessen Erforschung und Einordnung in die europäische Filmgeschichte hat sich vor allem die lettische Kulturhistorikerin Dr. Inese Strupule verdient gemacht. Die gesicherten und teilweise restaurierten Werke gehören heute zum nationalen Kulturerbe. Sie fanden Aufnahme im Lettischen Nationalarchiv Riga und wurden der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Unsere Auswahl umfasst 15 zwischen 1966 und 1989 entstandene Produktionen, darunter befinden sich fiktionale und dokumentarische Arbeiten sowie Animations- und Experimentalfilme. Sie sind nun erstmals in Deutschland zu sehen. Das Programm wurde kuratiert von Dr. Elina Reitere und Dr. Claus Löser, die auch die Vorführungen begleiten und kommentieren werden. Die Recherche und Bereitstellung der Filme erfolgt in enger Kooperation mit Sanita Grīna vom lettischen Nationalarchiv Riga.

Mit freundlicher Unterstützung des Lettischen Staatsarchivs für audiovisuelle Medien, des Lettischen Nationalarchivs und der Sächsischen Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur