Gavagai
Der Titel Gavagai steht hier als eine Art MacGuffin, stellvertretend für alle falsch übertragenen Wörter oder missverständlich übersetzten Bedeutungen. Zu deren Verständnis es einen längeren, kulturellen Anlauf braucht. Mit einem Missverständnis begann auch die Idee zu diesem Film. Und trug sich exakt so während der Berlinale 2011 zu. Als dem Hauptdarsteller von Ulrich Köhlers Film »Schlafkrankheit«, Jean-Christophe Folly, der Zugang zu seinem Berliner Hotel verwehrt wurde. Im Grunde werden hier quasi auch gleich noch die Dreharbeiten von »Schlafkrankheit« in Kamerun zum Thema des Filmes gemacht, mit denen sowohl Ulrich Köhler als auch Jean-Christophe Folly gemischte Erinnerungen verbinden. Herkunft, Geschlecht, Hautfarbe und kolonialistische Privilegien werden von allen Beteiligten abgelegt, sobald eine Regisseurin ruft; wir drehen! Doch wenn die Kameras stoppen, kehren alle Beteiligten an die angestammten Plätze zurück. Es stehen also Dreharbeiten an, im Senegal dieses Mal, zu einem historischen Drama über die gesellschaftliche Ausgrenzung einer Mutter und die darauf folgende Bluttat. Maja (Maren Eggert) in der Rolle der Medea und Nourou (Jean-Christophe Folly) in der Rolle von Jason, er wird sie verstoßen, sie wird, in der Filmversion, als Fremde, als Weiße aus Afrika vertrieben und tötet sowohl ihre eigenen Kinder als auch König Kreon und dessen Tochter. Abseits der Kamera beginnen die Beiden eine heimliche Romanze, hadern beide mit der arroganten Arbeitsweise ihrer Regisseurin Caroline (Nathalie Richard) und stoßen sich hier und da am Alltagsrassismus. Cut. Der Film springt aus dem Wimmelbild von Dakar ein reichliches Jahr voran in die oben zitierte, kalte Berlinale-Metropole. Die vertriebene Medea wandelt wieder sicheren Fußes durch ihre Stadt, der mächtige Jason wird vom Hotelpersonal zurückgewiesen und die Regisseurin sieht sich auf der Pressekonferenz unangenehmen Fragen über kulturelle Aneignung ausgesetzt. Jede noch so kleine Begebenheit ist durchdrungen von Missverständnissen, Mehrfachdeutungen und auch von Situationskomik, wenn gutmeinende Absichten wegen festgefahrener Strukturen immer wieder in der banalen Wirklichkeit zerrinnen. Ganz zu schweigen vom Film selbst, der es womöglich gar nicht bis an die Kinokassen schafft.
alpa kino
Buch: Ulrich Köhler
Regie: Ulrich Köhler
Darsteller: Jean-Christophe Folly, Maren Eggert, Nathalie Richard, Anna Diakhere Thiandoum
Kamera: Patrick Orth
Musik: Julien Sicart, Andreas Hildebrandt, Simon Apostolou
Produktion: Sutor Kolonko Filmproduktion, Bayerischer Rundfunk, Rundfunk Berlin Brandenburg, Good Fortune Films
Bundesstart: 30.04.2026
Start in Dresden:
FSK: ab 12 Jahren